Potsdam Royals gewinnen dramatisches Finale der EFL beim italienischen Meister Seamen Milano.

Brandenburg hat wieder einen Europapokal-Sieger: Die Potsdam Royals sicherten sich am späten Samstagabend nach einem dramatischen Finale den Titel in der European Football League (EFL). Gegen den italienischen Meister Seamen Milano gewann der Erstliga-Aufsteiger mit 43:42 (21:28) und sicherte sich den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Den letzten Europapokal hatten 2010 die Frauenfußballerinnen von Turbine Potsdam nach Brandenburg geholt, als sie die Champions League gewannen.

Als das Spiel vorbei war stürmten Mannschaft und Betreuerteam den Platz und lagen sich glückseelig in den Armen. „Das fühlt sich natürlich großartig an. An Dramatik war das nicht zu übertreffen, alle die dabei waren, werden das sicher nicht vergessen“, sagte Trainer Michael Vogt gestern nach einer kurzen Nacht. „Ich habe drei Stunden geschlafen, ich glaube, manche überhaupt nicht“, erzählte der Trainer.

Nicht einmal 40 Sekunden waren noch auf der Uhr, als die Royals noch mit 35:42 gegen die Seemänner aus Mailand zurücklagen. Dann gelang dem überragenden Tyvis Smith noch ein Touchdown zum 41:42. Vogt stand vor der Entscheidung. Einen relativ sicheren Extrapunkt durch einen Kick mitnehmen und sich in die Verlängerung retten. Oder die riskante Variante wählen, zwei Punkte erzielen und in Führung gehen. „Wir wollten das Spiel dann einfach entscheiden. Wir wollten keine Verlängerung“, sagte Vogt.

Zweimal Two-Point Conversion

Quarterback Austin Gahafer trug den Ball umsonst in die Endzone

Der Plan schien aufzugehen. Zwar stoppte die Mailänder Defensive Smith, doch der konnte den Ball zurück zu Quarterback Austin Gahafer werfen, der diesen in die Endzone trug. Das hätte den ziemlich sicheren Sieg bedeutet. Doch zum Schrecken der Potsdamer entschieden die italienischen Schiedsrichter auf eine Zehn-Yard-Strafe gegen Potsdam, so dass die Potsdamer statt von der Drei-Yard- von der 13-Yard-Linie den Versuch wiederholen mussten.

„13 Yards für eine Conversion sind ziemlich viel, daher haben wir erstmal das Fieldgoal-Team rausgeschickt. Die Mailänder sollten auch ein wenig nachdenken. Wir wollten aber, wie gesagt, die Entscheidung erzwingen“, erzählte Vogt, der zunächst Kicker Patrick Felber aufs Feld geschickt hatte, um durch ein Fieldgoal die Verlängerung zu erzwingen. Den schickte er allerdings gleich wieder runter und startete den zweiten Zwei-Punkt-Versuch. Dieses Mal fand Spielmacher Gahafer die Lücke und brachte den Pass zu Widereceiver Frederik Myrup Nielsen in die Endzone.

200 Liter Freibier

Die dänische Rakete, wie Nielsen im Team genannt wird, war beim anschließenden Jubellauf kaum mehr zu bremsen. Denn die Royals verteidigten das 43:42 bis zum Schluss und krönten sich im zweithöchsten europäischen Wettbewerb zum Gewinner. Parallel hatten die Braunschweig Lions – mit dem gebürtigen Potsdamer David Müller – auch noch den Eurobowl gegen Frankfurt Universe gewonnen, die Royals machten damit den Doppelsieg Deutschlands perfekt.

„Wie oft ich den Atem angehalten habe kann ich gar nicht sagen. Das Team hat eine hervorragende Leistung gezeigt“, sagte Royals-Präsident Stephan Goericke nach der Partie. Zur Feier des Titels lädt der Verein am Montagabend (ab 18 Uhr) ins Peter Pane Potsdam ein inklusive mindestens 200 Litern Freibier.

Der Spielverlauf:

Bis der Titel gesichert war mussten die Royals allerdings eine wahre Nervenschlacht überstehen. Nach gut sieben Minuten passte Quarterback Austin Gahafer in die Endzone der Mailänder und Wide Receiver Max Zimmermann fing den Ball für den Touchdown. Da auch Patrick Felber den Extrapunkt versenkte führten die Royals beim Gastgeber mit 7:0. Diesen Rückstand glich der amtierende italienische Meister allerdings nach gut 10 Minuten durch einen langen Run von Xavier Mitchell aus und auch die Mailändern sicherten sich den Extrapunkt – 7:7.

Den Gästen aus Potsdam gelang nach 45 Sekunden ein starker Start ins zweite Viertel. Nach einem präzisen Pass von Quarterback Gahafer fing die „dänische Rakete“ Frederik Myrup Nielsen den Ball in der Endzone. Nach dem Extrapunkt durch Felber führten die Gäste wieder (14:7). Doch auch diese Führung hielt nicht lange.

Royals geben Führung aus der Hand

Vier Minuten waren im zweiten Viertel gespielt, als Seamen-Quarterback Luke Zahradka einen präzisen Pass auf Danilo Bonaparte auspackte und der Italiener den Ball sicher fing. Nach dem Extrapunkt stand es erneut Remis (14:14).
Wieder waren es die Royals, die die Führung übernahmen – und das auf spektakuläre Art und Weise. Runninback Tyvis Smith schnappte sich den Ball von Gahafer, übersprang anschließend seinen Gegenspieler und landete in der Endzone, Touchdown. Felber erhöhte die Führung per Extrapunkt auf 21:14 nach sechs Minuten des zweiten Viertels.
Doch diesen Vorteil gaben die Royals postwendend wieder aus den Händen. Xavier Mitchell setzte zu einem 80-Yard-Lauf an, schlängelte sich durch die Royals-Defense und rettet sich mit einem Sprung in die Endzone der Royals. Der italienische Livestream-Moderator schrie „Mamma Mia“ in sein Mikrofon nach der starken Offensivaktion, die durch den Extrapunkt veredelt wurde – 21:21 und noch knapp fünf Minuten auf der Uhr des zweiten Viertels

Zur Halbzeit 21:28

Und erneut war es Mitchell, der sich für die Royals schmerzhaft in Szene setzte. Der Widereceiver fing Sekunden vor der Halbzeit einen Pass in der äußersten Ecke der Endzone, sodass die Mailänder – nach dem Extrapunkt – mit einer 28:21-Führung in die Halbzeitpause gingen.
Die ersten acht Minuten der zweiten Hälft blieben punktlos, ehe Gahafer einen 40-Yard-Pass raushaute und Myrup Nielsen an der Zwei-Yard-Linie den Ball fing. Erneut war es Runningback Smith, der die kurze Distanz zur Endzone mit einem Lauf überwand und zum 27:28 verkürzte, Felber glich schließlich per Extrapunkt aus. Kurz vor dem Ende des dritten Viertels gingen die Seemänner aus Mailand dann erneut in Führung, mit einem 28:35-Rückstand gingen die Royals ins letzte Viertel.

14 Punkte Rückstand im letzten Viertel

Und diesen vergrößerte erneut der überragende Mitchell mit seinem vierten Touchdown. Durch den anschließenden Extrapunkt lagen die Royals gut zehn Minuten vor Schluss plötzlich mit 14 Punkten in Rückstand (28:42). Zwei Minuten später sah die Football-Welt allerdings schon wieder besser aus: Gahafer warf den Ball präzise durch die Mitte auf Widereceiver David Saul, der trotz Bedrängnis den Catch machte – nur noch 35:42, da Felber auch den Extrapunkt verwandelte.
Doch diesen Vorsprung verteidigten die Mailänder bis kurz vor Spielende hartnäckig. Doch 40 Sekunden brach erneut Smith den Bann und tankte sich durch die Defensive der Mailänder zum 41:42. Und jetzt wurde es dramatisch: Statt auf den Extrapunkt zu gehen, entschied das Trainerteam sich für eine Two-Point Conversion. Gahafer übergab Smith den Ball, der jedoch von der Defensive gestoppt wurde, jedoch den Ball zurück zu Gahafer warf – und der Quarterback sprintete in die Endzone. Doch die Schiedsrichter sahen einen Regelverstoß, die zwei Punkte zählten nicht und die Royals kassierten eine 10-Yard-Strafe.

Risiko wird belohnt

Zunächst stand Kicker Felber auf dem Platz, was – wenn er getroffen hätte – den Ausgleich bedeutet hätte. Doch dann entschied sich das Trainerteam noch einmal um und ordnete erneut die Two-Point Conversion an, 13 Yards vor der Endzone. Und dieses Risiko wurde belohnt: Gahafer fand die Lücke und passte auf Myrup Nielsen, der den Ball in der Mailänder Endzone fing – 43:42 für die Royals mit noch 29 Sekunden auf der Uhr.
Anschließend ließ die Royals-Defensive nicht mehr viel zu. Vier Sekunden vor dem Ende hatten die Seemänner noch 57 Yards bis zur Endzone, sie versuchten es mit einem Verzweiflungs-Field-Goal. Doch der Versuch wurde geblockt – und die Royals waren EFL-Bowl-Gewinner

 

Text: MAZ / Stephan Henke